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Um Marco Maiers bisheriger Laufbahn einen Rahmen zu bauen, braucht es zwei Daten. Erstens: 2606 Tage. Zweitens: 9:58,52 Minuten. Am 10. Dezember 2014 geht der damals 14-Jährige aus Blaichach im Allgäu das erste Mal bei einem Para Weltcup-Rennen an den Start. Marco Maier ist nervös und doch selbstbewusst. „Ich wollte auf keinen Fall Letzter werden“, sagt er. Doch Maier wird Letzter – und zwar exakt 9:59 Minuten hinter dem souveränen Sieger Vladislav Lekomtsev aus Russland. „Da muss ich wohl noch einiges arbeiten“, denkt er.

2606 Tage später, am 28. Januar 2022 im Langlauf-Sprint beim Para Weltcup von Östersund (Schweden), spürt der frisch gekürte siebenfache Weltmeister Lekomtsev auf den finalen Metern Marco Maiers heißen Atem im Nacken. Der uneingeschränkte Dominator im Para Ski nordisch in der stehenden Konkurrenz rettet 48 Hundertstelsekunden ins Ziel. „Wenn die Zielgerade nur ein kleines Stück länger gewesen wäre, hätte ich ihn gepackt“, ärgert sich Maier. Kurz darauf erhält Lekomtsev wegen eines Frühstarts eine 30-sekündige Zeitstrafe aufgebrummt. Und Marco Maier hat tatsächlich seinen ersten Weltcup-Sieg errungen.
 
Die Differenz von 9:58.52 Minuten, die Marco Maier in den 2606 Tagen zwischen den beiden Rennen in der Loipe auf seinen schillerndsten Konkurrenten aufgeholt hat, stehen symbolisch für die Entwicklung des Wahl-Freiburgers, der für den SV Kirchzarten startet. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass es so phänomenal läuft“, sagt er. Noch vor einem Jahr nannte Maier Lekomtsev im Interview mit der Sportschau eine Klasse für sich. „Er hat einen ganz besonderen Laufstil, sehr schnell und trotzdem sehr kraftsparend. Ich habe versucht, mir etwas abzugucken“, berichtet er. Seine Bemühungen haben offensichtlich gefruchtet.

Zitterpartie ums Startrecht

„Marco hat seine Ausdauer und vor allem seine Kraft gut entwickelt. Er ist sehr explosiv“, lobt der deutsche Bundestrainer Ralf Rombach seinen Schützling, der auch aufgrund seiner Körpergröße von 1,93 Meter eine Erscheinung ist. Dass Marco Maier seine Stärke auf internationaler Ebene überhaupt noch zeigen kann, ist nicht selbstverständlich. Immer wieder plagten ihn in den vergangenen Jahren heftige Rückenschmerzen; inzwischen hat er die Probleme in den Griff bekommen. Einen Nackenschlag mit noch lauterem Nachhall erlitt er im Dezember 2016 – als plötzlich seine Starterlaubnis futsch war.
 
Marco Maier fehlen durch eine angeborene Symbrachydaktylie an drei Fingern der linken Hand vordere Glieder. Weil die Regelhüter des Internationalen Paralympischen Komitees zwei Jahre nach seiner damals unstrittigen Klassifizierung nun die Auffassung vertraten, dass Maier in der Lage wäre, mithilfe einer Schleife seine Behinderung auszugleichen und einen Skistock zu benutzen, schlossen sie ihn vom damaligen Weltcup aus. „Das war für uns alle ein Schock. Wir konnten das nicht nachvollziehen“, erinnert er sich. Eine dreizehnmonatige Zitterpartie begann. Der deutsche Mannschaftsarzt Dr. Lars Meiworm widerlegte die Annahmen mithilfe eines medizinischen Gutachtens der Freiburger Uniklinik.
 
Unmittelbar vor den Paralympics 2018 in PyeongChang kehrte Marco Maier ins Wettkampfgeschehen zurück. Die Chance, sich für Südkorea zu qualifizieren, war da schon passé. Von zu Hause aus musste er geknickt zusehen, wie sein Kirchzartener Vereinskamerad Alexander Ehler, der für ihn gleichzeitig Zimmernachbar und Konkurrent ist („Maier: „Wir spornen uns allein dadurch gegenseitig an, dass wir beide den gleichen Kampfgeist haben“), im Langlauf-Sprint eine Medaille hauchdünn verpasste.
 
Die unheilvollen Momente, in denen Marco Maier um seine Karriere bangte, sind inzwischen abgehakt. Vier Jahre später erfüllt sich sein inniger Traum von der Paralympics-Teilnahme. Der 22-Jährige ist einer von 18 nominierten Athletinnen und Athleten des Deutschen Behindertensportverbands für die Spiele vom 4. bis 13. März in Peking. Und er fliegt gereift nach Peking, mit einem anderen Erfahrungshorizont als viele andere Debütantinnen und Debütanten des Team Deutschland Paralympics.

Im Freiburger Sportinternat geprägt

Mit 15 Jahren verließ Marco Maier seine Heimat. „Im Herzen gilt: Einmal Allgäuer, immer Allgäuer“, sagt er. Dennoch bezeichnet er die Entscheidung, aufs Sportinternat Freiburg zu wechseln, als Startschuss „in die geilste Zeit meines bisherigen Lebens“, weil ihm die Eigenständigkeit fern des Elternhauses eine wichtige Lehre war. „Das hat mich stark geprägt und viele meiner Denkweisen beeinflusst. Ich kann nur jedem empfehlen, das auszuprobieren, wenn er die Chance dazu bekommt, aufs Sportinternat zu gehen.“
 
Mittlerweile studiert Marco Maier Wirtschaftsingenieurwesen in Furtwangen. Aktuell ist das Studium etwas hintangestellt. Pandemiebedingt hat er noch keinen Hörsaal von innen gesehen, in diesem Winter ist er freigestellt. Gemeinsam mit dem restlichen Team Para Ski nordisch bereitet er sich derzeit im italienischen Livigno auf Peking vor. Heißt in seinem Fall: An letzten Feinheiten arbeiten, an der Technik, der Spritzigkeit, vor allem am Schießen, wo es im Biathlon bei ihm in dieser Saison noch gewaltig hakte.
 
Wenn er am 25. Februar den Flieger in Richtung Peking betritt, gilt sein Fokus den kurzen Distanzen. Gleich zum Auftakt am 4. März steht der Biathlon-Sprint an, für die Staffel zum Abschluss am 13. März ist er fest vorgesehen, dazwischen liegt der Langlauf-Sprint am 9. März, der wie zuletzt bei seinem Weltcupsieg in Östersund im Skatingstil ausgetragen wird. „Ich liebe den Langlauf-Sprint, weil es ein Massenstart ist. Da geht es Mann gegen Mann, da musst du taktisch laufen“, verrät er. Bei diesen Paralympics scheint eine kluge Rennteilung besonders wichtig zu sein. Auch Maier hat bei Olympia wahrgenommen, wie die Höhe von 1700 Metern und die eiskalten Temperaturen in Zhangjiakou vielen Sportlerinnen und Sportlern zu schaffen machen. „Da kannst du unglaublich schnell blau gehen. Und dann geht nichts mehr.“
 
Was für ihn gehen kann, wenn die Bedingungen passen, der Schnee also griffig und schnell ist? „Ich möchte hinterher einfach nur mit meinem eigenen Rennen zufrieden sein. Was die Ergebnisliste dann sagt, wird man sehen.“ Druck kennt er keinen – zurecht nicht. Man darf nicht vergessen: Marco Maier ist Paralympics-Debütant. Er hat zwar schon einiges erlebt seit dem 10. Dezember 2014, aber seine Entwicklung ist lange nicht abgeschlossen. In seinem Karriererahmen ist noch reichlich Platz für weitere Daten und Fakten.

Foto: Ralf Kuckuck / DBS

Artikel vom 17.02.2022 https://www.nordski.de/newsreader/der-lange-weg-des-debuetanten.html

Christian Kaindl

Autor Christian Kaindl

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